Ein Rennrad, ein Radmarathon, eine Nordschleife und ein kaputtes Knie

Der Artikel ist irgendwie etwas länger geworden als gedacht, aber ich musste mal meinen Kopf von den ganzen Erlebnissen “freischreiben” :) Ich hoffe, dass wenigstens der ein oder andere durchhält!

Seit letztem Jahr April fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, jeden Tag 20km hin und 20km zurück, bei so ziemlich jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Bis heute sind nun ca. 7000km zusammengekommen, wie ich nicht ganz ohne Stolz verkünde. Was ist nach so einem Jahr also die logische Konsequenz? Richtig, ich habe meinen alten Stahlrenner aus seinem 10-Jahres-Schlaf geholt, entstaubt, geölt und wieder in Schuss gebracht.

Das war vor ungefähr 8 Wochen und, wie der geneigte Leser sich vielleicht anhand der Überschrift bereits denken kann, ist in dieser kurzen Zeit eine Menge passiert, aber der Reihe nach…

Das Rennrad war also wieder einsatzbereit und unternahm die ersten Touren im Süden von Niedersachsen. Anfangs erst ein paar kurze Touren, so um die 50km, in der zweiten Woche dann schon ein wenig mehr und ein wenig hügeliger. Die Strecken weiteten sich auf 85km Richtung Deister aus und ich fuhr das erste mal mit sportlichem Ehrgeiz auf die Marienburg hoch.

Auf Dauer bereitet alleine Radfahren und vor allem stundenlanges Rennradfahren allerdings nur begrenzten Spaß. Ich habe also Papa Google mit den Suchbegriffen “Hannover” und “Rennradtreff” konfrontiert und kam relativ schnell auf das Forum Rennrad-News.de mit seinem Rennradtreff-Hannover-Thread. Kurz mich vorgestellt, ein Foto meines Rennboliden (falsch herum fotografiert) veröffentlicht, gefragt, wo man denn als “Anfänger”, als der ich mich fühlte, mitfahren kann und abschließend ziemlich oft F5 gedrückt in der Hoffnung auf schnelle Antworten.

 

Es dauerte nicht lange und ich wurde begrüsst, auf das falsch herum fotografierte Rad hingewiesen und eingeladen mal zur Dienstagsrunde des Hannoverschen Radsport Clubs mitzukommen. Gesagt getan, es wurde Dienstag und machte mich auf zum vereinbarten Treffpunkt am Strandbad des Maschsee Hannover. Ich wurde freundlich in die Runde aufgenommen und die Gruppe plante eine Tour rund um die Marienburg, eine führ mich immerhin relativ gut bekannte Strecke.

Es waren 13 Leute und es wurde im gemächlichem Tempo losgefahren. Auf den ersten Metern wurde mir kurz erklärt, wie man sich in einer Rennradgruppe zu verhalten hat, welche Regeln, Handzeichen etc. es gibt und worauf man achten muss und sollte. Nach einiger Zeit zog das Tempo ein wenig an, aber ich konnte relativ entspannt mitfahren, das hätte ich nicht gedacht. Aber nunja, die 7000km haben schon so ihre Spuren verzeichnet!

Die Runde war dann ca. 80km lang bei einem Schnitt von knapp 32km/h. Mir ginge gut und spätestens am Ende war ich vom Rennradfieber gepackt. Ich fuhr mit Poki und Tomas, die mich von Anfang an “begleitet” haben noch die restlichen Kilometer nach Hause und mir wurde angeboten ob ich nicht Lust hätte beim 24h Team-Rennen beim Rad am Ring mit zufahren, der vierte Mann bei Ihnen würde wohl absagen. Noch etwas unsicher, ob ich das schaffen würde sagte ich zu, ich hätte Lust wenn es klappen sollte.

Es vergingen ein paar Tage und einige weitere Fahrten, bis ich mal anfragte, ob jemand Lust hätte mal eine Tour >100km mit mir zu fahren, da ich bislang diese Erfahrung noch nicht gehabt habe. Gesagt getan, in der Facebookgruppe kam die Einladung zu “175km leichte Rollertour” Samstag morgen, Treffpunkt 9 Uhr, 5 Leute.

Der Freitag gestaltet sich also bei mir mit mentaler Vorbereitung auf den nächsten Tag, mit dem verspeisen vieler Kohlenhydrate und dem Einkaufen einer Regenjacke, einer Windweste, ein paar Ärmlingen und ein paar Energieriegeln und -Gels. (Und ich war heilfroh, dass ich das alles gekauft habe…)

Es wurde Samstag und es goß in Strömen. Ich Stand früh auf, frühstückte ein Championmüsli und machte mich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Ich war viel zu früh da und der Regen machte auch keine Anstalten aufzuhören. Nach und nach kamen die anderen 4 Mitstreiter und es ging los mit Ziel Vorharz. Die ersten drei Stunden regnete es mal mehr, mal weniger, aber beständig. nach knapp 80km machten wir die erste pause und futterten ein paar Bananen und ein kleines Gebäckstück, bevor es dann losging in etwas hügeligere Gebiete.

Nach 100km (und wir immer noch in eine Richtung unterwegs, die von zu Hause wegführte) dann die unfassbar motivierenden Worte von Tomas:

“Gleich geht’s los!”

“Womit?”

“Mit den ersten Anstiegen ;)”

Uff, ja nee is klar.. nach 100km geht’s eigentlich erst richtig los. Na Klar. Der erste Anstieg kam, und ich wurde in meine Schranken gewiesen: mit 13km/h mein Rad den Berg hochgewuchtet…

Oben angekommen war ich kurz vor meinen Maximalpuls und die Beine brannten. Egal, weiter geht’s, schließlich wartet die entspannte Abfahrt!  Es folgten zwei weitere Steigungen und mein Tempo beim hochkrackseln sank beständig bis auf 9km/h.

Wir machten eine erneute Pause und aßen wieder ein wenig Energiebringer in Form von Kuchen. Mittlerweile waren knapp 150km vergangen und wir immerhin wieder in einer Richtung unterwegs die gen Hannover zeigte. Der Rest ging dann bei gutem Wetter und immer flacher werdendem Streckenprofil mit guten Tempo nach Hause. Kurz vor der Heimat dann die magische Grenze: 200km gefahren :) Nicht, dass ich mich schon seit dem 90. Kilometer eh schon jeden Meter in sämtlichen Disziplinen selbst überboten hätte.

Ich war kaputt und alle als ich zu Hause ankam. 7,5 Stunden reine Fahrzeit und 220km bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,6km/h standen auf dem Tacho! Mein erster Radmarathon. In diesem Jahr, in diesem Leben und überhaupt! Einmal Hannover – Harz – und zurück!

Zu Hause reichte die Kraft dann gerade noch um etwas zu essen, zu duschen, ein wenig Kreislaufprobleme und Schüttelfrost zu bekommen um dann mit Stolz geschwollener Brust um 20:30 Uhr zu schlafen, in der Hoffnung, dass mich mein Körper morgen nicht zu hart bestrafen würde.

Nach entspannten 12 Stunden Schlaf wachte ich gut erholt wieder auf und hatte völlig überraschend keinerlei Muskelkater. Klar, gemerkt habe ich es schon, was ich da gestern angestellt habe, aber bei weitem nicht so doll, wie gedacht. Das einzige Problem war Sonntag mein Knie, es schmerzte ein wenig am Außenband.

Ich machte also eine knappe Woche Pause vom Rennradfahren in der Praxis, aber nicht in der Theorie: Ich war mittlerweile fest eingeplantes Mitglied des 4er-Teams für das 24 Stunden Radrennen auf dem Nürburgring und wir trafen uns um das Wochenende zu planen. Beim Thema Ersatzteile mitnehmen stellte sich heraus, dass mein Rennrad nicht umbedingt ersatzteilkompatibel ist. Poki bot mir darauf hin an, ich könnte sein “altes” Rennrad (Modell 2010 ;) ) nehmen für die nächsten 14 Tage. Ich nahm dankend an und zwei Tage später brachte er es mir vorbei: ein schwarz-rotes Stevens aspin, 8,5Kilo, Aluminiumrahmen, Carbongabel, Ultegra-Vollausstattung. Ein Traum. Die erste Tour damit wurde dann letzten Sonntag angesetzt: Eine kleine Runde zur Marienburg um das Rad auszuführen.

Meinem Knie ging es noch immer nicht ganz prächtig, aber mit Voltaren und der riesigen Motivation mal auf einem echten (nicht, dass mein Rennrad nicht echt wäre.. aber so’n 12-Jahre altes Stahlrad…. Ihr wisst schon) Rennrad zu fahren, ging es los.

Row! Kein Vergleich. Ein Traum. Poki der Arsch. Jetzt hat er mich angefixt. Man. Ich kann nie wieder auf meinem fahren… Es fuhr sich sofort wesentlich entspannter, schneller, besser, einfacher, kräftesparender und was weiß ich nicht noch alles. (Trotzdem noch einmal an dieser Stelle einen riesen Dank an dich!)

Also wir dann kurz vor der Marienburg waren, machte ich mich bereit für die Zeitmessung des innoffiziellen Bergzeitfahrens. Stoppuhr bereit gemacht, den richtigen Gang eingelegt, und los!

Es dauerte genau 2:29min bis ich bei Puls 192 den Berg oben war. Chakka! Geile zeit :)

Der Rest ging mit viel Gegenwind und zeitweise hohem Tempo wieder nach Hause.

Mein Knie machte sich ziemlich schnell wieder bemerkbar, diesmal noch stärker als vorher.. aber das neue Rad musste ich einfach fahren… (Und mittlerweile bin ich mir relativ sicher, dass es an falsch eingestellten Pedalplatten liegt)

Abends nahm ich dann die ersten Preisverhandlungen mit Poki über sein altes Rennrad auf, und ich glaube wir werden uns einig ;)

Nunja, jetzt sitze ich im Zug von Zürich nach Bern und der Artikel ist etwas länger geworden als ich dachte. Dafür ist die Stunde Zugfahrt gleich vorbei. Und die kommende Woche werde ich mein Knie schonen und es mit Voltaren und Finalgon Salbkuren verwöhnen.

Ich muss fit sein in zwei Wochen. Daran führt kein Weg dran vorbei, denn die Nordschleife werde ich rocken!

08. August 2011 von Jan
Kategorien: Privat | 3 Kommentare

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Kommentare (3)

  1. Schöner Artikel,
    leider fährst du auf einer Aluminiumdose bei den 24h ;-)
    Falls du es dir noch anders überlegen solltest, es gibt auch zwei 4er Teams aus dem Rennrad-Forum die die 24h klassisch mit Stahl unterwegs sind.
    http://bit.ly/qEy6I3
    Gruß

  2. schöner Artikel

  3. Ich finde den Artikel überhaupt nicht zu lang und habe mit wachsendem Vergnügen gelesen

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